Okzipitale Neuralgie: Sonoanatomie und Sonopathologie der Okzipitalnerven - NYSORA
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Okzipitale Neuralgie: Sonoanatomie und Sonopathologie der Okzipitalnerven

Okzipitale Neuralgie: Sonoanatomie und Sonopathologie der Okzipitalnerven

Die Okzipitalneuralgie ist definiert als einseitiger oder beidseitiger, anfallsartiger, stechender oder einschießender Schmerz im hinteren Bereich der Kopfhaut, im Versorgungsgebiet des großen, kleinen oder dritten Okzipitalnervs. Sie geht häufig mit Druckempfindlichkeit über dem betroffenen Nerv einher und kann mitunter von einer verminderten Sensibilität oder Dysästhesie im betroffenen Bereich begleitet sein. Der Schmerz der Okzipitalneuralgie kann über trigeminocervikale Interneuronenverbindungen im Nucleus spinalis nervi trigemini bis in die frontoorbitale Region ausstrahlen (Abb. 1).

 

1. DIAGNOSTISCHE KRITERIEN

Die diagnostischen Kriterien der Okzipitalneuralgie in der Internationalen Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen (ICHD-3) erscheinen in Tabelle 1.

Aus der Internationalen Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen, 3. Auflage [1]

Abb.1 Trigeminozervikaler Komplex.

 

2. ÄTIOLOGIE

Okzipitalneuralgie kann viele Ursachen haben:

• Trauma • Infektion • Tumore

• Postoperativ, insbesondere nach Arnold-Chiari-Missbildungsoperationen oder anderen Operationen am kraniozervikalen Übergang

• Radiofrequenzablation (RFA)

• Atlantoaxialgelenk (AAJ), rheumatoide Arthritis und Subluxation, da das C2-Dorsalwurzelganglion über dem posterioren medialen Aspekt des Gelenks liegt

• Läsionen der C2-Nervenwurzel und des Spinalganglions (DRG) (z. B. Meningiom, vaskuläre Fehlbildung)

• Einklemmung des Okzipitalnervs

 

3. OCCIPITALNERVENEINKLEMMUNG

Der Nervus occipitalis major (GON) entspringt dem dorsalen Ast des zweiten Halswirbels (C2) und verläuft bogenförmig um den Unterrand des Musculus obliquus inferior, um an dessen Oberfläche aufzusteigen. Anschließend durchdringt er den Musculus semispinalis capitis (und in der Regel auch den Musculus splenius) und endet subkutan nahe der Nackenlinie, indem er den Musculus trapezius oder die Faszie durchdringt. Der GON kann überall zwischen seinem Ursprung an der C2-Nervenwurzel und seinem subkutanen Verlauf an der Aponeurose des Musculus trapezius eingeklemmt werden.

Die normativen sonografischen Daten zeigen, dass die Querschnittsfläche des Nervus occipitalis major (GON) auf Höhe C1–C2 2.0 ± 0.1 mm² beträgt (Bereich: 1–4 mm²). Die Größe des GON bleibt typischerweise bis zu seiner Verzweigung im Okzipitalbereich unverändert. Die mittlere Querschnittsfläche des GON bei symptomatischen Patienten nach Kompression betrug 4.1 ± 2.6 mm² (Bereich: 2–13 mm²).

 

4. DIE ROLLE VON ULTRASCHALL BEI DER DIAGNOSE UND BEHANDLUNG

Diagnostischer Ultraschall

• Diagnose einer Okzipitalnervenkompression durch Nachweis eines vergrößerten, abnormalen, geschwollenen Nervs (Feigen. 2 und 3).

• Diagnose der Einklemmursache, z. B. Einklemmung in den subokzipitalen Muskeln (Abb. 4) oder Impingement durch ein arterielles Aneurysma oder eine Fehlbildung (Abb. 5), venöses Aneurysma oder Fehlbildung (Abb. 6) oder Muskelläsion oder Masse (Abb. 7).

• Aufspüren des GON: Das GON kann mit Ultraschall von seinem Ursprung an der C2-Nervenwurzel bis zu seinem subkutanen Übergang an der M. trapezius-Aponeurose verfolgt werden. Läsionen auf der Ebene der C2-Nervenwurzel und des Spinalganglions (DRG) können identifiziert werden (Abb. 8).

Abb.2 Kurzachsen-Sonogramm auf C1–C2-Höhe, das einen normalen N. occipitalis major (Pfeile) zeigt, wie er zwischen dem M. obliquus inferior (IOM) und der Semispinalis capitis (SSC) verläuft. Trap Trapezius-Muskel, Spl Splenius-Muskel

Abb. 3 Kurzachsen-Sonogramm auf C1–C2-Ebene, das einen geschwollenen N. occipitalis major mit Ödem um den Nerv herum zeigt
(Pfeile) verläuft zwischen M. obliquus inferior (IOM) und Semispinalis capitis (SSC)

Abb.4 (a) Kurzachsen-Sonogramm auf C1–C2-Ebene, das den N. occipitalis major (Pfeile) zeigt, wie er zwischen dem M. obliquus inferior (IOM) und dem Semispinalis capitis (SSC) verläuft. (b) Kurzachsen-Sonogramm auf C1-Höhe, das den N. occipitalis major (Pfeile) zeigt, der im Bauch der Semispinalis capitis (SSC) eingeklemmt ist. Beachten Sie den vergrößerten Nerv mit verstärktem Faszikelmuster. (c) Kurzachsen-Sonogramm auf okzipitaler Ebene, das den N. occipitalis major (Pfeile) zeigt, während er den M. trapezius (Trap) durchsticht. Beachten Sie den geschwollenen, vergrößerten Nerv. Occ occiput, Spl splenius-Muskel

Abb. 5 (a, b) Kurzachsen-Sonogramm auf C1-C2-Ebene, das eine abnormale Arterie (a) zeigt, die auf den N. occipitalis major (Pfeil) trifft, während er zwischen dem M. obliquus inferior (IOM) und der Semispinalis capitis (SSC) verläuft . (Abbildung b mit Farbdoppler)

Abb. 6 (a, b) Kurzachsen-Sonogramm auf C1–C2-Ebene, das eine abnorme Vene (VV) zeigt, die auf den N. occipitalis major (Pfeile) trifft, während sie zwischen dem M. obliquus inferior (IOM) und der Semispinalis capitis (SSC) verläuft. . (Abbildung b mit Farbdoppler)

Abb.7 Kurzachsen-Sonogramm auf C1–C2-Höhe mit Darstellung einer Zyste (Pfeile) innerhalb der Semispinalis capitis (SSC). IOM unterer schräger Muskel

Abb.8 Kurzachsen-Sonogramm auf C2-Höhe, das das Spinalganglion C2 zeigt
(DRG), der A. vertebralis (VA) und dem N. occipitalis major (GON) zwischen M. obliquus inferior (IOM) und Semispinalis capitis (SSC)

 

5. INTERVENTIONELLER ULTRASCHALL

• Ultraschallgesteuerte Blockade des N. occipitalis: Der Eingriff kann entweder distal an der Nackenlinie (Abb. 9Position A) oder proximaler zwischen C1 und C2 (Abb. 9Position BWir bevorzugen die Blockade des Nervus oculomotorius (GON) auf Höhe C1–C2, wo er zwischen dem Musculus obliquus inferior (IOM) und dem Musculus semispinalis capitis (SSC) verläuft. Der GON ist hier gut erkennbar und kann gezielt behandelt werden, anstatt die terminalen subkutanen Äste in der Nackenlinie zu identifizieren. Der Eingriff kann in Bauch- oder Sitzposition durchgeführt werden. Üblicherweise wird ein Hochfrequenz-Ultraschallkopf verwendet, je nach Körperbau kann jedoch auch ein Niederfrequenz-Schallkopf eingesetzt werden. Zunächst wird eine transversale Kurzachsenansicht erstellt, indem der Schallkopf mittig über dem Hinterhaupt platziert und anschließend kaudal gescannt wird, um die Segmente C1 und C2 zu identifizieren. C1 besitzt keinen Dornfortsatz, der erste gespaltene Dornfortsatz befindet sich bei C2.Abb. 10). Dann wird der Schallkopf seitlich bewegt, bis die subokzipitalen Muskeln in der Ansicht zu sehen sind. Um die IOM besser von der SSC zu unterscheiden, ist das laterale Ende des Schallkopfs nach kranial geneigt, um mit der Ausrichtung der IOM übereinzustimmen, wenn sie sich zwischen C1 und C2 erstreckt. Durch diese Änderung der Wandlerausrichtung zeigt das Sonogramm das IOM in seiner Längsachse, während es eine Kurzachsenansicht des SSC erhält und somit die beiden Muskeln und die Faszienebene dazwischen, wo das GON gesucht werden kann, klar voneinander unterscheidet zum (Fig.11).

• Ultraschallgesteuerte Injektionen von Botulinumtoxin Typ A in die umliegende subokzipitale Muskulatur zur Druckentlastung des Nervus occipitalis major (GON). Jüngste Studien haben gezeigt, dass die Injektion von Botulinumtoxin A in die vermuteten Kompressionsstellen des GON bei symptomatischen Patienten Linderung verschaffte. Sie reduzierte Kopfschmerzen und verbesserte die Lebensqualität für drei Monate. Unsere Beobachtungen deuten darauf hin, dass Botulinumtoxin bei Patienten mit Okzipitalneuralgie eine anhaltende Linderung bewirken kann, wenn es in eine spezifische Kompressionsstelle (und nicht in eine potenzielle oder vermutete Kompressionsstelle) injiziert wird. Die geeignete Injektionsstelle kann mittels Ultraschalluntersuchung am Krankenbett identifiziert werden. Die Normalisierung der Biomechanik nach der Entlastung des Nervus occipitalis ist wahrscheinlich die Ursache für die langfristige Besserung, und nicht die Langzeitwirkung des Botulinumtoxins selbst.

• Ultraschallgesteuerte okzipitale periphere Nervenstimulation.

Abb. 9 Position und Ausrichtung des Ultraschallkopfes bei Blockade des N. occipitalis major. (a) Nackenlinie; (b) C1-C2-Niveau

Abb.10 Kurzachsen-Sonogramm auf C2-Niveau. Beachten Sie den zweigeteilten Dornfortsatz von C2 (Pfeile). IOM M. obliquus inferior, SSC M. semispinalis capitis, M. trapezius trapezius

Abb. 11 Kurzachsen-Sonogramm auf C1–C2-Niveau. (a) Der Ultraschallkopf befindet sich in einer horizontalen Position, sodass sowohl der M. obliquus inferior (IOM) als auch der M. semispinalis capitis (SSC) in einem Kurzachsenschnitt erscheinen. (b) Das laterale Ende des Ultraschallwandlers ist nach kranial geneigt; jetzt erscheint das IOM in einem Längsschnitt und ist somit gut vom SSC zu unterscheiden, und der N. occipitalis major (GON) kann dazwischen identifiziert werden. C2 C2-Nervenwurzel, DRG C2-Dorsalwurzelganglion, SC-Rückenmark auf C2-Ebene, Spl-Splenius-Muskel, Trap-Trapezius-Muskel, VA-Vertebralarterie

Klinische Updates

  • Melchior et al. (Cephalalgia, 2025) führten die erste systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse zur Okzipitalneuralgie (ON) durch. Sie identifizierten 15 klinikbasierte Studien (579 Patienten) und keine bevölkerungsbasierten Daten. Die berichteten relativen Häufigkeiten in spezialisierten Kopfschmerzzentren reichten von 0.6 % bis 24.4 % (gepoolt 2.83 %, I² = 99.7 %). ON betraf überwiegend Frauen (73 %), das mittlere Erkrankungsalter lag bei 56 Jahren, die Diagnoseverzögerung bei 29 Monaten. Charakteristisch waren einseitige (81 %), starke (54 %) und stechende Schmerzen (59 %), die fast ausschließlich den Nervus occipitalis major betrafen (98 %), wobei in 73 % der Fälle eine Hypästhesie auftrat. Bei fast der Hälfte der Patienten trat zusätzlich Migräne auf (46%), und 30% berichteten von einem vorangegangenen Nackentrauma. Die erhebliche Heterogenität unterstreicht die Notwendigkeit standardisierter Diagnosekriterien und klarerer Richtlinien für die Interpretation der Blockade des Nervus occipitalis major.

Melchior AG, Al-Khazali S, Christensen RH, Al-Khazali HM, Ashina H. Epidemiologie und klinische Merkmale der Okzipitalneuralgie: Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse. Cephalalgia. 2025;45(2):3331024251317595.

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