Intravenöse Flüssigkeitstherapie bleibt eine der wichtigsten Interventionen in der Intensivmedizin. Von Trauma und Sepsis bis hin zur postoperativen Behandlung und neurologischen Notfällen, Flüssigkeitsreanimation ist ein fester Bestandteil der Intensivpflegeprotokolle. Dennoch bleibt eine entscheidende Frage seit Jahrzehnten bestehen: Sollten wir balancierte Kristalloide oder normale Kochsalzlösung verwenden?
Eine kürzlich Meta-Analyse von Diz et al., veröffentlicht in der Juli-Ausgabe 2025 von Anästhesie & Analgesie, liefert einige der bislang umfassendsten Beweise und bietet differenzierte Antworten, die die Strategien zur Flüssigkeitstherapie, insbesondere bei Patienten mit traumatischer Hirnverletzung (TBI), neu gestalten könnten.
Was sind balancierte Kristalloide und wie schneiden sie im Vergleich zu normaler Kochsalzlösung ab?
Ausgeglichene Kristalloide, sowie Laktierter Ringer und Plasma-Lytesind intravenöse Flüssigkeiten, die so formuliert sind, dass sie die Elektrolytzusammensetzung des Plasmas möglichst genau nachahmen. Sie enthalten typischerweise:
- Natrium
- Kalium
- Calcium (in einigen Formulierungen)
- Chlorid
- Ein Puffer (Laktat, Acetat oder Gluconat)
Normale Kochsalzlösung (0.9 % Natriumchlorid) ist eine unausgewogene Lösung mit hoher Chloridbelastung, die zu hyperchlorämische metabolische Azidose, insbesondere bei Verabreichung großer Mengen.
Hauptunterschiede:

Was wurde in der neuen Studie untersucht?
Studiendesign:
- Systematische Überprüfung und Metaanalyse
- IM PREIS ENTHALTEN 15 randomisierte klinische Studien (RCTs) mit insgesamt 35,388 schwerkranke erwachsene Patienten
- Verglichen balancierte Kristalloide vs. normale Kochsalzlösung
- Primäres Ergebnis: 90-Tage-Mortalität
- Sekundäre Ergebnisse: Nierenkomplikationen, Aufenthaltsdauer (LOS), Bedarf an Vasopressoren/mechanischer Beatmung und Untergruppenmortalität bei Sepsis und TBI
Primäre Ergebnisse:
- Bei Patienten ohne Schädel-Hirn-Trauma:
- Ausgeglichene Kristalloide reduzierte Sterblichkeit
- Ausgeglichene Kristalloide reduzierte Sterblichkeit
- Bei TBI-Patienten:
- Ausgeglichene Kristalloide erhöhte Sterblichkeit
- Bei Patienten mit Sepsis:
- Kein signifikanter Unterschied in der Sterblichkeit
Diese Ergebnisse unterstreichen die entscheidende Bedeutung von Anpassung der Flüssigkeitstherapie an den individuellen Zustand des Patienten.
Highlights der Untergruppenanalyse
Patienten ohne traumatische Hirnverletzung:
- Schätzungsweise 3–19 weniger Todesfälle pro 1000 Patienten bei Verwendung ausgewogener Lösungen.
- Keine signifikanten Unterschiede in:
- Dauer des Intensiv- oder Krankenhausaufenthalts
- Dauer der maschinellen Beatmung
- Bedarf an Vasopressoren
- Nierenersatztherapie (RRT)
- Dauer des Intensiv- oder Krankenhausaufenthalts
TBI-Patienten:
- Schätzungsweise 4–83 weitere Todesfälle pro 1000 bei Behandlung mit ausgewogenen Lösungen.
- Erhöhter intrakranieller Druck und Hirnödeme sind wahrscheinliche Ursachen.
Nierenergebnisse, Intensivstationsaufenthalt und Beatmungsbedarf zeigten kein nennenswerter Nutzen mit beiden Flüssigkeitstypen.
Schritt für Schritt: So wählen Sie die richtige Infusionslösung
- Identifizieren Sie die primäre Diagnose: Leidet der Patient an einer traumatischen Hirnverletzung, einer Sepsis oder einer allgemein schweren Erkrankung?
- Bewerten Sie komorbide Zustände: Insbesondere Nierenerkrankungen, Elektrolytstörungen und Störungen des Säure-Basen-Haushalts.
- Überprüfen Sie die aktuellen Richtlinien und Nachweise, wie etwa Sepsisprotokolle oder Leitlinien zur neurologischen Intensivpflege.
- Wählen Sie die Flüssigkeit:
- TBI: Bevorzugen normale Kochsalzlösung
- Schwerstkranke ohne traumatische Hirnverletzung: Wählen ausgewogene Kristalloide
- Sepsis: Beide Flüssigkeiten sind akzeptabel, aber ziehen Sie ausgewogene Lösungen für die Säure-Basen-Stabilität in Betracht
- TBI: Bevorzugen normale Kochsalzlösung
Beobachten Sie genau: Passen Sie dies basierend auf der Reaktion, den Laborwerten und dem klinischen Status an.
Abschließende Gedanken
Diese umfassende Studie stellt den „Einheitsansatz“ zur intravenösen Flüssigkeitstherapie in Frage. Stattdessen betont sie die Bedeutung von Kontext, Diagnose und patientenspezifischer Physiologie. Während balancierte Kristalloide für die meisten schwerkranken Patienten sicherer und wirksamer sein können, können sie schädlich bei TBI, wobei isotonische Flüssigkeiten wie Kochsalzlösung vorzuziehen sind.
Referenz: Diz JC et al. Anesth Analg. 2025; 141: 152-161.
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Folgendes empfiehlt der Anästhesieassistent:
Ein 58-jähriger Mann mit mehreren Rippenfrakturen und einem mittelschweren Schädel-Hirn-Trauma (GCS 9) wird auf die Intensivstation eingeliefert.
Er benötigt Wiederbelebungsmaßnahmen und eine kontinuierliche Flüssigkeitszufuhr.
Zu welcher Infusionslösung sollten Sie greifen?



