Die Rückenmarkstimulation (SCS) hat sich in den letzten drei Jahrzehnten als bahnbrechende Therapie zur Behandlung chronischer, therapieresistenter Schmerzen etabliert. Neue Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass die Behandlungsintensität weltweit stark variiert. Eine kürzlich veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse in Regionalanästhesie & Schmerzmedizin bietet die erste umfassende globale Momentaufnahme der SCS-Nutzung und deckt große Unterschiede hinsichtlich Patientenalter, Diagnose, geografischem Zugang und finanzieller Unterstützung auf.
Unter der Leitung von Dr. Peter Vu und Kollegen fasste dieses internationale Forschungsteam Daten aus 187 Studien mit über 16,000 Patienten in 28 Ländern und auf sechs Kontinenten zusammen. Ihre Ergebnisse zeigen nicht nur, wie SCS weltweit eingesetzt wird, sondern auch, wer zurückbleibt und warum.
Was ist Rückenmarkstimulation?
Die Rückenmarkstimulation (SCS) ist eine Neuromodulationstherapie, bei der über implantierte Elektroden elektrische Impulse an die Hintersäule des Rückenmarks abgegeben werden. Diese Impulse maskieren oder modifizieren Schmerzsignale, bevor sie das Gehirn erreichen. Ursprünglich für therapieresistente Rücken- und Beinschmerzen entwickelt, umfasst die SCS heute folgende Indikationen:
- Postoperatives Schmerzsyndrom (PSPS1 und PSPS2)
- Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS)
- Diabetische periphere Neuropathie (DPN)
- Periphere Gefäßerkrankung (PVD)
- Postzosterische Neuralgie (PHN)
- Radikulopathie und Nervenwurzelkompressionssyndrome
Trotz ihrer Wirksamkeit ist die Therapie nach wie vor invasiv, teuer und wird nur unzureichend finanziert, sodass sie in vielen Teilen der Welt weniger zugänglich ist.
Warum diese Studie wichtig ist
Während zahlreiche klinische Studien die Wirksamkeit und Sicherheit von SCS dokumentiert haben, wurden bisher keine globalen Anwendungsmuster in verschiedenen Bevölkerungsgruppen analysiert. Diese Studie schließt diese Lücke, indem sie folgende Aspekte untersucht:
- Patientendemografie (Alter, Geschlecht)
- Schmerzdiagnosen
- Regionale Trends
- Finanzierungsquellen
- Studiendesigns und Ergebnisse
Durch die Identifizierung von Ungleichheiten wollen die Autoren zu einer gerechteren politischen und klinischen Entscheidungsfindung im Bereich der Neuromodulation beitragen.
Wichtige Ergebnisse der Metaanalyse
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Globales Durchschnittsalter der SCS-Patienten: 55.8 Jahre
- Über alle Studien hinweg betrug das mittlere Patientenalter 55.84 Jahre (95 % KI: 54.89–56.79).
- Das Alter variierte stark zwischen 38.6 und 80.7 Jahren, was auf eine erhebliche geografische und klinische Variabilität hindeutet.
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Geografische Altersunterschiede
Es wurden erhebliche regionale Unterschiede beobachtet:

- Asiatische Patienten waren im Durchschnitt 8.6 Jahre älter als die in Nordamerika.
- 37.1 % der Altersunterschiede sind auf länderspezifische Faktoren (Gesundheitspolitik, Erstattungsmodelle) zurückzuführen.
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Häufigste Diagnosen: PSPS2 und CRPS
Zu den Schmerzsyndromen, die zur SCS-Implantation führten, gehörten:
- Postoperatives Schmerzsyndrom (thorakolumbal, PSPS2): 44.9 %
- CRPS: 13.5 %
- Chronische Schmerzen im unteren Rücken (PSPS1): 13.5 %
- Radikulopathie: 11.3 %
- Neuropathische Bein- oder Nackenschmerzen: 10–12 %
- Andere Syndrome (DPN, PHN, PVD): 3–5 %
Patienten mit DPN oder Gefäßschmerzen waren signifikant älter als Patienten mit CRPS oder zervikaler Radikulopathie, was die Wechselwirkungen zwischen Alter und Diagnose unterstreicht.
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Geschlechterparität
In allen Studien waren 53 % der SCS-Empfänger weiblich, wobei zwischen den Regionen oder Diagnosen keine signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschiede beobachtet wurden.
Finanzierungsunterschiede und Forschungsbias
Wer finanziert die Wissenschaft?

- Von der Industrie finanzierte Studien konzentrierten sich auf Europa und Nordamerika.
- Nur 6 % der Studien erhielten staatliche Mittel, was darauf schließen lässt, dass die Forschung stark von den Herstellern abhängig ist.
Interessanterweise korrelierte die Finanzierungsquelle nicht mit dem Alter des Patienten, was darauf schließen lässt, dass eine Verzerrung eher den Forschungsumfang als das Studiendesign beeinflusst.
Aufschlüsselung des Studiendesigns
Von den 207 geeigneten Studien (187 mit vollständigen Daten):
- 67.4 % waren beobachtende Kohortenstudien
- 22.9 % waren randomisierte kontrollierte Studien (RCTs)
- 6.4 % waren Fallserien
- 3.2 % waren registerbasierte Analysen
Diese Verteilung spiegelt den realen Fokus eines Großteils der SCS-Literatur wider, unterstreicht jedoch den Bedarf an mehr qualitativ hochwertigen RCTs, insbesondere in unterrepräsentierten Regionen.
Meta-Regression und statistische Modellierung
In der Studie wurden Metaregressionstechniken eingesetzt, um die Ursachen für die Variation des Patientenalters zu ermitteln:
- Länderspezifische Merkmale erklärten 37.1 % der Varianz
- Kontinentale Unterschiede machten 8.95 % aus
- Diagnose erklärt 17.2%
- Finanzierungsquelle zeigte keinen signifikanten Effekt
- Studiendesign und -setting (öffentliche vs. private Krankenhäuser) waren ebenfalls nicht signifikante Prädiktoren
Klinische Implikationen
Diese Analyse bietet umsetzbare Erkenntnisse für Schmerzspezialisten, Gesundheitspolitiker und Neuromodulationsforscher:
- Bei der Auswahl und Programmierung des Geräts sollten das Alter und die Diagnose des Patienten sorgfältig berücksichtigt werden.
- Ältere Patienten können von vereinfachten, nicht wiederaufladbaren Geräten mit weniger Komplikationen profitieren.
- Um den gleichberechtigten Zugang zu verbessern, müssen in LMICs die Ressourcenzuweisung und die Ausbildung ausgeweitet werden.
- Die standardisierte Berichterstattung über die Patientendemografie in SCS-Studien ist für das globale Benchmarking von entscheidender Bedeutung.
Einschränkungen der Studie
Die Autoren erkennen mehrere Einschränkungen an:
- Geringe GRADE-Qualität aufgrund der Abhängigkeit von nicht randomisierten Studien
- Inkonsistente Ergebnisberichterstattung zwischen Ländern und Diagnosen
- Fehlende sozioökonomische Daten zu Patienten
- Publikationsbias wurde nicht formal bewertet
Dennoch bietet die Überprüfung die bislang umfassendste demografische Synthese der SCS.
Empfehlungen für zukünftige Forschung
Um die Wissens- und Gerechtigkeitslücken in der SCS-Therapie zu schließen, empfehlen die Autoren:
- Ausbau der Forschung in ressourcenarmen Regionen
- Finanzierung unabhängiger, nicht industriell ausgerichteter Studien
- Standardisierung der demografischen und Ergebnisberichterstattung
- Untersuchung der Langzeitergebnisse, stratifiziert nach Alter und Diagnose
- Integration von Registerdaten mit Real-World-Evidence-Plattformen
Fazit
Die Rückenmarkstimulation entwickelt sich weiterhin zu einer wichtigen Therapie zur Behandlung komplexer, chronischer Schmerzsyndrome. Diese globale Metaanalyse zeigt jedoch, dass der Zugang zu dieser Therapie ungleichmäßig und altersabhängig bleibt und durch systemische Unterschiede im Gesundheitswesen sowie wirtschaftliche Barrieren geprägt ist.
Vu PD, Mamun N, Feng L, et al. Weltweite Anwendung der Rückenmarkstimulationstherapie bei chronischen Schmerzsyndromen: eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse. Reg Anesth Pain Med. Online veröffentlicht am 31. August 2025.
Die Ergebnisse bilden eine wichtige Grundlage für den weltweiten Aufbau inklusiverer, repräsentativerer und gerechterer Schmerzbehandlungssysteme. Für Patienten, Ärzte und politische Entscheidungsträger ist dies ein Aufruf zum Handeln: Innovation muss mit Zugänglichkeit einhergehen, und globale Exzellenz muss globale Gerechtigkeit beinhalten.
Weitere Informationen finden Sie im vollständigen Artikel in RAPM.
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